Bericht über das Jugendprojekt

Von Jörg Kaspert (2.5.2021, Harzer Panorama am Sonntag)

Landkreis Goslar. Wenn eine großangelegte, alternative Pflanzmethode in Zusammenarbeit mit Landesforsten zur Anwendung kommen soll, dann muss eine Universität eingebunden sein. Wie klappt das?
Im März machte die Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) den Weg frei für ein wissenschaftlich begleitetes Experiment. Sie unterbreitete den „Friends of the Forest“ (FoF) ein ungewöhnliches Angebot, das die Gruppe um Dr.David Kahan der Stadtspitze vorstellte.
Die SDW will im Herbst der Stadtforst Goslar 10.000 Bäume spenden ,aber nur unter der Voraussetzung, ein ökologisches Projekt für die Jugend zu konzipieren. „Wenn die SDW ruft, dann kommt Bewegung rein“, freut sich Kahan über diesen neuen Partner, um dem extrem vom Baumsterben betroffenen Stadtwald helfen zu können –mit einer neuen Pflanzmethode. „Nur wenige andere Organisationen haben die Geschichte, die Authentizität und die Professionalität. Die SDW wurde 1947 gegründet. Schon 1952 wurde von ihr der Tag des Baumes ausgerufen. Im Durchschnitt werden an diesem Tag jährlich 70.000Bäume gepflanzt. DieStiftungzählt bundesweit 25.000 Mitglieder.“

Der Ball kommt ins Rollen

Die Freunde des Waldes kontaktierten Stadtwald-Leiter Wolfgang Lebzien. Das Forstamt soll das Gelände vorbereiten und Vorschläge für die Umzäunung und Sicherung machen. „Mit an Bord sind zwei Förster, die ebenfalls Input geben können. Eine Professorin von der Universität Göttingen hat ihr Interesse bekundet, dieses Jugend-Projekt zu begleiten. Lehrer von zwei Gymnasien haben bereits ihre Unterstützung zugesagt sowie die Junge Union und die Jungen Grünen.“ So bahnt sich breite Beteiligung an.

Erste Ortsbesichtigung

„Die Teilnehmer kame naus fast allen Himmelsrichtungen. Aus dem Süden kamen Professorin Kietz mit Hund von der Universität Göttingen, aus dem Norden Frau Bauers, eine Försterin aus der Nähe von Lutter.“ Neben StadtforstLeiter Lebzien waren seine Kollegen Möller und Paucke anwesend. Nacheiner kurzen Einführung in das Projekt ging es im Fahrzeugkonvoi zur Besichtigungstour ins Dörpketal. Dort wurde die gewaltige Verwüstungdurch Dürre, Sturm und Borkenkäferplage sichtbar. Möller fasste die Situation in Goslar prägnant zusammen: „Sie sehen hier die Hälfte der Goslarer Forstverwaltung versammelt. Wir haben einfach nicht mehr die Ressourcen, um so aufzuforsten, wie wir es früher getan haben.“ Auch Kahan sieht die Problematik der fehlenden Manpower. Erwill gegensteuern. „Früher wurden auf einemHektar 3.000 Fichten gepflanzt. Zum Zeitpunkt der Ernte waren nur noch etwa 500 übrig, bei Eichen bis zu 8.000 Setzlinge. Schösslinge waren preiswert und der Holzpreis hoch. Heute funktioniert diese Monokulturmethode nicht mehr. Die Notwendigkeit einer Umkehrung der Verschlechterung der Ostflanke des Rammelsberges und der zu vitalisierende Schutz der Ökosysteme sind so offensichtlich, dass es keine Diskussion über alte Anbaumethoden gab. Allen war klar, dass Naturverjüngung unter diesen Umständen nicht funktionieren würde. Es reicht hier nicht, es demWald zu überlassen, sich selbst zu regenerieren. Baum-Plantagen sind teurer und hinterlassen einen größeren ökologischen Fußabdruck.“ Kahan will Großes in kurzer Zeit in Gang setzen. „Es soll einPilotprojekt zur Etablierung eines ökologisch sinnvollen Waldes werden. Laut Landesforsten soll dies das erste Projekt in Niedersachsen sein.“

Neu in Niedersachsen: Das Konzept der Bauminseln

Zwei Arten der Bepflanzung wurden erörtert: Streifen von Bäumen, die in der Nähe der Straße stehen, dort wo Wasser fließt, entlang des Baches, wo die Verfügbarkeit von Wasser auch im Sommer wahrscheinlicher ist. Die Alternative dazu: Bauminseln, auch Cluster-Klumpen genannt. „Die Konzentration des Projektes im Dörpketal wird auf Bauminseln liegen.  Studien zeigen: Sie bieten eine biologische Vielfalt mit weniger Kosten.“ In Rheinland-Pfalz sei diese Form bereits der Regelfall. „In einer Bauminsel werden nur einige wenige Bäume und Sträucher in kleinen Parzellen gepflanzt. Im Laufe der Zeit werden diese wenigen Bäume mit ihren Baumkronen als Baumschulen dienen. Andere Bäume werden keimen un dunter ihnen und an ihren Rändern wachsen, wodurch sich die Größe der Baumkronenfläche oder des Baumkerns vergrößert. Irgendwann werden diese Flecken aufeinandertreffen und zusammenwachsen, wodurch das Kronendach geschlossen wird und ein kontinuierlicher Wald entsteht.“
Die Cluster sollen den Wasserfluss bremsen und ihn effektiver im Boden versickern lassen. „Diese Bauminseln sind extrem wichtig für den Wasserschutz, da sie als vegetative Barrieren Bodenverluste verhindern, den Wasserabfluss verlangsamen ,Bodennährstoffe zurückhalten, Hänge stabilisieren und Bäume besser vor Sonne und Wind schützen. Eine Insel liegt in der Größenordnung von 100 Quadratmetern.“ Ein Vorschlag von Professorin Kietz: Zwischen den Inseln sollen Samen von Pionierbäumen wie Birken ausgesät werden. Auch sie können helfen, den Wald auszufüllen. „Mit Cluster-Pflanzungen und der Verwendung von Saatgut können bis zu 10 Hektar in einen lebendigen, atmenden ökologischen Wald verwandelt werden. Frau Bauers sprach über die Ausbringung von Eicheln, die in offenen Kästen aufgestellt werden und durch Eichelhäher verteilt werden. Sie sprach von Bodenvorbereitung durch natürliches Grubbern, durch Auswerfen von Mais auf der Fläche: Die Sauen der Wildschweine verletzen durch ihre Suche danach den Boden, womit die Keimung neuer Bäume begünstigt wird. Hier könnten dem Mais sogar Saatgut für Birke, Erle, Lärche und Bergahorn beigemischt werden.“

Eine Alleskönnerin: Robinie

Weil es ein ökologischer Wald werden soll und weniger ein Nutzwald zur Ernte, sind auch Bäume im Gespräch, die normalerweise als zweite Wahl gelten. „Die Robinie steht nicht ganz obenauf der Prioritätenliste eines Försters, aber sie ist ein wahres Wunder“, erläutert Kahan. „Seit 400 Jahren hier, ist die Robinie eine Bienenweide-Pflanze, verträgt trockenes Klima sehr gut, ist unempfindlich gegen Umweltverschmutzung. Und das ist nur der Anfang. Als Pionierbaumart besiedelt sie offene Flächen schnell. Leguminosen sind die einzige Pflanzenfamilie, die Luftstickstoff bindet und in die Erde gesetzt den Boden verbessert. Stickstoff ist der Motor für das Pflanzenwachstum. So gehört die Robinie zu den wenigen Baumarten in Europa, die Stickstoff fixieren. Wenige Baumarten verbessern den Boden so wie die Robinie.“ Als Holzlieferant taugt sie nicht so gut wie die schnelle Fichte mit ihrem harten Bauholz.

Pilze als Dünger

Zwei Themen werden noch diskutiert. Dabei geht es um die Notwendigkeit, die Bodenqualität wiederherzustellen. „Harzer Boden ist steinreich und nährstoffarm. Mykorrhiza-Dünger könnte eine Lösung zur Bodenverbesserung sein. Schon mal was vom Wood-wide-web gehört? Der Wald ist buchstäblich ein Netzwerk von Bäumen, das durch Mykorrhiza,e inePilzart, vernetzt ist. Mykorrhiza kann quasi Berge versetzen und hilft beim Transport. Sein breites Geflecht wirkt mit, Nährstoffe aufzunehmen und an den Baum weiterzugeben. Der Pilz ist so mächtig, dass er sogar Nährstoffe aus Gestein heraussaugen kann.“ Muss allesumzäunt werden? „Hauptsächlich wurde darüber diskutiert, was bei diesem Projekt nicht erwünscht ist: keine komplette Umzäunung des Geländes, keine Plastik-Umhüllung. Vielleicht geht es im Dörpketal um eine Artvon Zaun, die sich zersetzen kann, oder um eine natürliche Substanz, die aufgetragen werden müsste.“

Arbeit mit der Jugend

Dr.Kahan versichert: „Wir werden bei der Koordination helfen und große Gruppe von Jugendlichen´rekrutieren. Es geht hier nicht nur um eine Pflanzung, sondern um ein Umwelt-Bildungsprojekt, also um eine Art Schulungswald. Wir möchten die Jugendlichen durch den gesamten Prozess führen, sie nicht nur zuschauen lassen, wie man Bäume pflanzt, sondern wie man einen nachhaltigen Mischwald schafft, der ökologisch gesund ist und die Hitze und Trockenheit der Zukunft aushält. Mit an Bord ist eine Forstwissenschaftlerin aus Berlin, die im Juli inden Ruhestand geht und nach Goslar zurückkehrt.“ Bishe rist die Nachwuchsorganisation der CDU nicht durch Öko-Projekte aufgefallen. Das scheint sich im größten Stadtwald Niedersachsens zu ändern. Sebastian Skorzinski, Kreis-Chef der JU: „Mit wissenschaftlicher Begleitung und unter Einbindung der Jugend vor Ort erreicht man ein tiefer gehendes Verständnis für die aktuelle Situation, die jedem Wanderer erschreckend vor Augen geführt wird und auch als Reisender schon von der Ferne zu beobachten ist. Das Aushängeschild unseres schönen Harzes zu erhalten und zu pflegen, das sollte viel stärker vorangetrieben werden. Die JU wird sich mit Arbeitseinsatz und Ideen einbringen.“

Kosten trotz Baumspende

Auch wenn die 10.000 Bäume von der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald gespendet werden und sich viele freiwillige Arbeitseinsätze andeuten, gibt es Finanzbedarf. Kahan: „Es gibt Kosten für Zaun und Düngemittel. Auch private Förster, die bereit wären, am Wochenende alles zu leiten, kosten Geld. Zur Boden-und Pflanzflächenvorbereitung müssen Geräte gemietet werden. Dabei geht es um Gras- und Mäusebekämpfung und um die Entfernung von Dornen.“

Mini-Wald als Geschenkidee

Die Gruppe um Kahan hofft, dass es Bürgerinnen und Bürger gibt, die mit einer Spende in Höhe von 100 Euro so eine neu gepflanzte Bauminsel im Dörpketal erwerben und verschenken möchten. „Auf einen Schlag hat man einen kleinen Wald. Ob zurHochzeit, zum Geburtstag, zur Taufe oder auch zum Gedenken: Ein lebendiger Wald ist ein wunderbares Geschenk.“

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